„Cold Case“ aus Kiel: Linde Perrey wurde 2016 ermordet. Jetzt hofft die Polizei auf den Durchbruch – und die Hilfe der Öffentlichkeit

Seit fast acht Jahren ist der brutale Raubmord an der Kieler Rentnerin Linde Perrey nicht aufgeklärt. Nun verfolgt die Polizei eine neue Spur – und hofft auf Hinweise zu zwei unbekannten Männern. Gelingt jetzt der Durchbruch in dem Fall?

Die Polizeibeamten hatten es nicht weit, als sie am 18. Juni 2016 in die Kieler Dehnckestraße 1b gerufen wurden. Das schmucklose, sechsgeschossige Mehrfamilienhaus im Stadtteil Schreventeich liegt nur rund 300 Meter Luftlinie entfernt vom Polizeirevier.

Bewohner hatten gemeldet, dass sie ihre Nachbarin Linde Perrey aus dem zweiten Stockwerk schon seit einigen Tagen nicht mehr gesehen hatten. Gesundheitliche Probleme machten der damals 72-Jährigen zu schaffen. Sie hatte Gleichgewichtsstörungen und war schwerhörig, im Sommer 2016 fast taub, aber sie bewahrte sich ihre Selbstständigkeit. Mit ihrem Rollator war sie immer wieder im Stadtteil unterwegs, machte die täglichen Besorgungen, kaufte in umliegenden Supermärkten ein oder erledigte Bankgeschäfte. Viel Kontakt zu anderen Menschen hatte die alleinstehende Seniorin nicht.

Intensive Ermittlungen der Polizei führten nicht zum Täter

Als die Beamten die Tür zu der Wohnung von Linde Perrey öffneten, war sofort klar: Es waren keine gesundheitlichen Gründe. Linde Perrey wurde ermordet. Sie habe „massive Gewaltverletzungen“ am Körper gehabt, so das schleswig-holsteinische Landeskriminalamt (LKA) und sie lag schon mehrere Tage tot in ihrer Wohnung. „Der Tatzeitraum konnte durch die Ermittlungen auf den 13. Juni bis 15. Juni 2016 eingegrenzt werden“, stellten die Kieler Mordermittler fest. Und: Es war offenbar ein Raubmord. Das braune Portemonnaie und die dunkle Jacke des Opfers fehlten in der Wohnung.

Jacke und Portemonnaie von Linde Perrey waren nach dem Raubmord verschwunden
© Landeskriminalamt Schleswig-Holstein

Wie genau die Rentnerin zu Tode gekommen ist, sagen die Ermittler bis heute nicht. Das ist Wissen des Täters – und der ist auch fast acht Jahre nach der Tat noch nicht gefasst, trotz aller Bemühungen. Trotz intensiver Spurensicherung am Tatort, trotz der Vernehmung von Zeugen, trotz einer ausgelobten Belohnung von 5000 Euro, trotz groß angelegter Öffentlichkeitskampagnen. Auch eine Vorstellung des Falls in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ rund ein halbes Jahr nach der Tat brachte die Fahnder nicht weiter. „Linde Perrey, ihr Gesicht ist vielen Kielerinnen und Kielern bekannt. Doch die genauen Umstände ihres Todes im Jahr 2016 kennt niemand“, bilanzierten die „Kieler Nachrichten“ sechs Jahre später. Es gab einfach keine heiße Spur zu einem Täter, irgendwann waren alle Ermittlungsansätze ausgeschöpft.

© Landeskriminalamt Schleswig-Holstein

Doch Mord verjährt nicht. 2022 nahm das LKA einen neuen Anlauf. Die Kieler „Cold Case Unit“ kümmert sich seit 2015 um ungeklärte Mordfälle zwischen Nord- und Ostsee. Die Ermittler werfen einen neuen Blick auf die Akten, vernehmen neue und alte Zeugen oder sammeln weitere Beweise. Immer wieder gelang es „Cold Case“-Einheiten in Deutschland, teils Jahrzehnte zurückliegende Fälle aufzuklären.

Polizei nimmt im Kieler Mordfall Linde Perrey neuen Anlauf

Erneut gingen die Beamten im Fall Linde Perrey an die Öffentlichkeit, verteilten Informationsbroschüren, in denen sie viele Fragen stellten. Eine davon: „Sind Sie im Besitz von Digitalfotos aus der Zeit seit Jahresbeginn 2016 bis zum 18. Juni 2016, die bei oder von dem Haus in der Dehnckestraße 1b oder in der Nachbarschaft aufgenommen wurden? Auch Bilder, in denen das Haus 1b oder die Umgebung nur im Hintergrund zu sehen sind, wären äußerst hilfreich.“

Dehnckestraße 1b in Kiel-Schreventeich – hier lebte Linde Perrey
© Landeskriminalamt Schleswig-Holstein

Die in der Wohnung gesicherten Spuren wurden „mit den modernsten Methoden der Kriminaltechnik untersucht“, hieß es von der „Cold Case Unit“. „Es liegen vielversprechende Spuren vor, die mit großer Chance zu dem Täter führen könnten.“ Auch eine noch laufende DNA-Reihenuntersuchung macht den Ermittlern bis heute Hoffnung.

Nun, rund anderthalb Jahre nach dem Wiederaufrollen des Falls, ist das Kieler LKA offenbar einen Schritt weiter – und hat mehrere neue Ansätze gefunden, den Mord an der Seniorin doch noch aufzuklären. Sie veröffentlichten nach Zeugenaussagen das Phantombild eines Mannes. Linde Perrey soll im Umfeld ihrer Wohnung mehrfach in Begleitung des damals etwa 55- bis 60-Jährigen gesehen worden ein. Der Unbekannte wird als „kräftig mit kurzen ‚altersgrauen‘ Haaren und dunklen Augen“ beschrieben. Die Mordermittler weisen ausdrücklich darauf hin, dass der Mann nicht als Beschuldigter, sondern als Zeuge gesucht werde.

Mit diesem Phantombild sucht die Polizei im Fall des Raubmords an Linde Perrey aus Kiel nach einem wichtigen Zeugen
© Landeskriminalamt Schleswig-Holstein

Ein weiterer Mann ist ebenfalls von Interesse für das LKA. Er  soll im Juni 2016 rund um die Dehnckestraße an Wohnungstüren gebettelt haben und sich dabei als „Strunk“ oder „Struck“ vorgestellt haben. Auch er könnte wichtige Hinweise zur Aufklärung des Raubmords liefern und wird ebenfalls als Zeuge gesucht.

Aber auch an alle anderen Menschen in Kiel und anderswo hat die „Cold Case Unit“ weiterhin viele Fragen:

Ist Ihnen das Opfer Linde Perrey bekannt gewesen? Können Sie Auskünfte zu den Gewohnheiten der Frau Perrey geben?Sind Ihnen regelmäßige Besucher des Mehrfamilienhauses Dehnckestraße 1b in Kiel aus der damaligen Zeit (um das Jahr 2016 herum) bekannt?Haben Sie damals auffällige Beobachtungen im Zusammenhang mit dem Mehrfamilienhaus Dehnckestraße 1b oder der dortigen weiteren Umgebung gemacht?Können Sie sich konkret an Personen erinnern, die aufdringlich waren oder Streit suchten?Aus dem Besitz von Linde Perrey fehlen eine Geldbörse sowie eine Jacke. Können Sie Angaben zum Verbleib dieser Gegenstände machen?Haben Sie im Laufe der Jahre weitere Informationen zu dem Mordfall Perrey erlangt?

Polizeibeamte sind im Januar 2024 erneut in den Stadtteil Schreventeich ausgeschwärmt und haben unter anderem Plakate mit dem Phantombild und ihren Fragen ausgehängt. Staatsanwaltschaft und Polizei glauben auch angesichts der verstrichenen Zeit: „Mit neuen Ermittlungsansätzen sowie einer aktuell immer noch laufenden DNA- Reihenuntersuchung erscheint eine Tataufklärung jedoch nach wie vor möglich.“

Hinweise zum Raubmord an Linde Perrey  nimmt die „Cold Case Unit“ des Landeskriminalamtes Schleswig-Holsteins unter der Telefonnummer (0431) 16042852 oder per E-Mail unter der Adresse [email protected] entgegen. Die Staatsanwaltschaft hat eine Belohunng von 5000 Euro ausgesetzt.

Quellen: Landeskriminalamt Schleswig-Holstein (1), Landeskriminalamt Schleswig-Holstein (2), „Kieler Nachrichten“, Nachrichtenagentur DPA