Weltwirtschaftsforum: Davos versteht die Welt nicht mehr

Eine Woche treffen beim Weltwirtschaftsforum in Davos mächtige Menschen aus Politik und Wirtschaft zusammen. Die allgemeine Ungewissheit treibt sie in diesem Jahr besonders um.

„Wie ist die Stimmung?“ – das fragt man hier so, in Davos. Und so richtig überzeugend optimistisch antwortet kaum noch jemand darauf. Bei den einen, den Politikern, liegt das daran, dass ihnen jetzt schon alles um die Ohren fliegt. Sie versuchen sich in Zuversicht, aber nehmen sich die ganz offensichtlich selbst nicht mehr so recht ab. Bei anderen, Unternehmenschefs und Ökonomen, liegt es weniger an der aktuellen Situation und mehr an der Erwartung was kommt. Wobei man kaum von Erwartung sprechen kann. Eher ist es die Ungewissheit, die alle verrückt macht. Und für die gibt es viele Gründe.

Da ist zuallererst die Weltpolitik. Ganz offensichtlich hat sie das Weltwirtschaftsforum in diesem fünf Tagen übernommen. Trotz aller Erzählungen von Kriegsmüdigkeit spielt der Ukraine-Krieg eine große Rolle, wohl auch, weil Präsident Wolodymyr Selenskyj angereist ist für eine der meistbesuchten Reden. Er muss mal wieder werben für Unterstützung. „Jede Reduktion von Hilfen verlängert den Krieg, jede Unterstützung verkürzt ihn“, ruft er dem vollen Saal zu. Vor seiner Rede trifft er Unternehmenschefs, die in der Ukraine investieren sollen, und westliche Verbündete wie US-Außenminister Anthony Blinken und Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Aber er merkt selbst, dass der Druck steigt, dass immer mehr Menschen ihn fragen, wie dieser Krieg enden soll. Er muss darauf keine überzeugende Antwort geben, die Menschen stehen nach seiner Rede noch auf, aber er kann sich nicht sicher sein, ob das im nächsten Jahr noch immer so ist.STERN PAID C+ Interview Rogoff 21.40

Als großes Thema neu dazugekommen ist der Konflikt zwischen Israel und der Hamas mit all seinen möglichen Auswirkungen auf die Region und die Weltwirtschaft. Viele wichtige Politiker sind hier, um darüber zu sprechen – auf Bühnen, vor allem aber auch bei internen Gesprächen am Rande. Der israelische Präsident Isaac Herzog ist auch da. Er sagt: „Die Israelis haben ihr Vertrauen in die Friedensprozesse verloren, weil sie sehen konnten, dass der Terror von unseren Nachbarn verherrlicht wird.“

„Man kann nicht immer sagen: Du musst anfangen“

Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock spricht auf einem Panel unter anderem mit dem saudi-arabischen Außenminister Prinz Faisal bin Farhan Al Saud. Beide plädieren für eine Zwei-Staaten-Lösung. Baerbock spricht von einer Verpflichtung aller anderer Staaten, eine Lösung für den Konflikt zu finden. „Man kann nicht immer sagen: Du musst anfangen“, sagt sie mit Blick auf die Konfliktparteien, das ende in einem Teufelskreis. Doch in Gesprächen mit deutschen Politikern merkt man auch: Wie eine Lösung, am besten eine Zwei-Staaten-Lösung, herbeigeführt werden kann, wissen sie selbst nicht. Und so blickt die Welt ratlos nach Gaza.

Auch weil es diesen Mann gibt, der im Herbst alles verändern könnte – und wegen dem man gerne vorher möglichst viele Krisen lösen möchte. Trumps mögliche Wiederwahl schwebe wie ein Damoklesschwert über der Welt, sagt der US-Ökonom Kenneth Rogoff am Rande des Treffens. Die Wiederwahl Donald Trumps macht hier Vielen Sorge. Niemand weiß so recht, was die Welt – und die Weltwirtschaft – erwartet, wenn Trump wieder Präsident wird, aber man ahnt: nichts Gutes.

Neben der Weltlage gibt es nur ein Thema, das die Menschen in Davos ähnlich fasziniert: künstliche Intelligenz. Vor den Veranstaltungen, auf denen Sam Altman spricht, drängeln sich die Menschen, um einen Platz zu bekommen. Während viele der Anwesenden vor allem über die Chancen der Technologie sprechen wollen, sehr optimistisch sind, spricht der OpenAI-Chef sehr klar über die Unsicherheiten, die mit künstlicher Intelligenz einhergehen: „Ich habe viel Verständnis für die Aufregung und das Unbehagen vieler Menschen gegen uns“, sagt er auf einem Panel. Er sei aber überzeugt, dass die Risiken sich handhaben lassen. 

Das also sind die Themen, mit denen sich die Menschen in Davos beschäftigen. Fehlt da nicht noch eins? Genau! Deutschland. Das spielt für einen Großteil der Anwesenden keine große Rolle mehr, stattdessen geht es um China, um die USA, um Indien und um die Golfstaaten. Trotzdem sind natürlich einige deutsche Unternehmenschefs da: Oliver Blume von Volkswagen, Christian Sewing von der Deutschen Bank und Martin Brudermüller von BASF zum Beispiel. Und auch aus der Politik sind neben der Außenministerin Wirtschaftsminister Robert Habeck, Finanzminister Christian Lindner, Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt und Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger anwesend. 

Vor allem ein nicht direkt ausgetragenes Duell zwischen Christian Lindner und Robert Habeck ist dabei auffällig. Während der Wirtschaftsminister von Investitionen in die Transformation spricht, erklärt der Finanzminister auf der Bühne: „Ich mache mir Sorgen, dass so mancher europäische Politiker den USA mit ihren Subventionen folgen will. Wir können uns das nicht leisten.“ Ob „so mancher europäische Politiker“ wohl im eigenen Kabinett sitzt? Wie es mit der deutschen Wirtschaft weitergeht, hängt auch an dem Streit der beiden Männer (und Parteien) um die richtige Wirtschaftspolitik. Und der ist noch lange nicht entschieden. 

Dieser Artikel erschien zuerst im Wirtschaftsmagazin „Capital“, das wie der stern Teil von RTL Deutschland ist.