Protestforscher erklärt: Was bewirken Demos gegen die AfD? „Wie ein Weckruf, aus der Schockstarre aufzuwachen“

Nach den Correctiv-Enthüllungen über Abschiebungsfantasien gehen zehntausende Menschen auf die Straße. Aber bewirken solche Kundgebungen wirklich etwas? Der Protestforscher Alexander Leistner macht leise Hoffnung.

25.000 Menschen in Berlin, 30.000 in Köln, 8.000 in Kiel: Nach den Enthüllungen des Recherchenetzwerks „Correctiv“ sind unter der Woche in vielen deutschen Großstädten Menschen gegen rechten Hass und Hetze auf die Straße auf die Straße gegangen. Auch für das bevorstehende Wochenende sind in mehreren Städten große Proteste angemeldet, allein in Hamburg, Hannover und München werden jeweils mehr als 10.000 Teilnehmende erwartet. Aber was bringen die Proteste gegen Rassismus, Rechtsextremismus und die AfD überhaupt? Die Fragen beantwortet Protestforscher Alexander Leistner vom Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig.

Cetin Gültekin12:05

Herr Leistner, kann man die AfD-Wähler:innen mit einer Demo oder einem Protest wirklich umstimmen?

Die vergangenen Jahre und die Forschung zeigen, dass man die Kernwählerschaft der AfD mit Protesten und Enthüllungen nur schwer beeindrucken kann. Umstimmen könnte es Sympathisanten, die in der AfD eine Protestpartei sehen. Die Proteste zielen insgesamt aber eher auf einen Weckruf der demokratischen Zivilgesellschaft.

Wen erreichen die, die beispielsweise bei der großen Demo heute in Hamburg mitlaufen?

Meine Einschätzung: Je breiter das Demonstrationsbündnis vor Ort ist, desto weniger hoch ist die Schwelle für Menschen ohne Demonstrationserfahrung. Für die einen sind die Demonstrationen wie ein Weckruf, aus ihrer Art Schockstarre aufzuwachen. Für andere wirkt es wie ein Aufbruch, auf den man gewartet hat. Viele bereits Engagierte hatten in den vergangenen Monaten vielleicht auch ein Gefühl der Resignation. Vor allem aber signalisieren die Demonstrationen in ihrer Breite, dass nicht hingenommen wird, wenn die Grundlagen des demokratischen Zusammenlebens angegriffen werden. Vor dem Hintergrund der prognostizierten Stärke der AfD bei den ostdeutschen Landtagswahlen bekommt die Bedrohungskulisse für viele Menschen plötzlich scharfe Konturen.

Welchen Einfluss haben die Demonstrationen auf die Protestierenden selbst?

Man darf nicht unterschätzen, wie sehr die Demonstrationen von Teilnehmenden als ermutigend wahrgenommen werden. Es bestärkt einen in dem Gefühl, nicht allein zu sein mit der Sorge um die Demokratie.

Wie kann man sich gegen Extremismus einsetzen, wenn man nicht demonstrieren kann oder will?

Es gibt auch andere Möglichkeiten: Eine wichtige Frage ist, wie man dort etwas tut, wo die AfD am stärksten und die demokratische Zivilgesellschaft besonders schwach und teilweise bedroht ist. Über die Stärke der AfD wird eben nicht in Leipzig oder Köln entschieden, sondern in den kleinstädtischen und ländlichen Regionen Ostdeutschlands. Da braucht es mittelfristig Initiativen, Spenden und Bestärkungen von Vereinen, Kirchen und Kultureinrichtungen.