„Poor Things“ im Kino: Emma Stone brilliert als schamlose Frankenstein-Barbie. Der Film hat nur ein Problem

Die Bilder! Die Kostüme! Und natürlich: Emma Stone. „Poor Things“ ist ein phantastisches, wildes, bizarres Ereignis von Film – mit einem blinden Fleck.

 

Was passiert, wenn eine Frau ohne Scham die Welt entdeckt? Davon handelt der preisgekrönte Film „Poor Things“, jetzt läuft die ungewöhnliche Komödie in den deutschen Kinos an. Die aberwitzige Story geht so: Der Mediziner Godwin Baxter (Willem Dafoe), das Gesicht mit Narben entstellt, das Haus voll von Leichenteilen und dubiosen Experimenten, findet den leblosen Körper einer Frau. Sie ist schwanger und hat gerade Suizid begangen. Er setzt ihr das Gehirn ihres eigenen Säuglings ein, reanimiert sie und sieht zu, wie sich das Kind im Körper der erwachsenen Frau entwickelt. Bella, gespielt von Emma Stone, gedeiht prächtig. Bis sie ungeniert am Frühstückstisch masturbiert. 

Es ist das erste von vielen Malen, in denen Bellas radikale Schamlosigkeit auf die sozialen Normen unserer Gesellschaft trifft. In „Poor Things“ geht es um (weibliche) Selbstbestimmung, um (männliche) Kontrolle und um Moralvorstellungen – und wer diese prägt. Bellas Welt wird zunächst weiter von ihrem Schöpfer Godwin, den sie passenderweise nur „God“ nennt, bestimmt. Da sie offenbar im Teenie-Alter angekommen ist, soll sie schnell mit Gods bravem Assistenten Max (Ramy Youssef) verheiratet werden. Doch Bella denkt gar nicht daran, will lieber mit dem schmierigen Draufgänger Duncan Wedderburn (Mark Ruffalo) durchbrennen. God lässt sie auf die Reise gehen. Erster Halt: Portugal. 

„Das Schlimmste, was Frauen tun können!“

In Lissabon stürzt sich Bella hemmungslos auf Sex und Alkohol, stopft sich mit Gebäck voll und giert danach, die Welt zu entdecken. Wie sie dem zunehmend mit ihr überforderten Duncan und der „vornehmen Gesellschaft“ durch ihre Naivität den Spiegel vorhält, sorgt für herrlich komische Momente. Anstand? Monogamie? Disziplin? Kennt Bella alles nicht. Die wilde Reise geht weiter, bis sich das ungleiche Paar mittellos in Paris wiederfindet, wo Bella auf der Suche nach Geld im Bordell landet. 

Einer der lustigsten Momente entsteht, als Duncan vor Wut und Verzweiflung ein mit dem erhurten Geld erstandenes Eclair auf den Boden schmeißt, während Bella herzhaft reinbeißt. „Das ist das Schlimmste, was du als Frau tun konntest!“, wirft er ihr vor. Doch Bella geht auch hier mit einer neugierigen, beinahe wissenschaftlichen Herangehensweise vor, die sie von God gelernt hat. In einer Sequenz stellt sie etwa das System im Bordell in Frage und schlägt vor, dass sich die Frauen doch die Männer aussuchen könnten. Sie versteht nicht, warum ein Mann mit einer Frau schlafen möchte, wenn diese offensichtlich nicht will. „Manchen Männern gefällt das so“, ist die knappe Antwort, und der Satz sagt viel darüber aus, wie unsere Welt funktioniert und was wir für gegeben akzeptieren.

Ein Film mit ungewöhnlich vielen Sex-Szenen

Paar stellt Filmszenen nach 06.13Dass das Ganze funktioniert liegt zuallererst an Emma Stone. Die Oscar-Gewinnerin ist schlicht genial in „Poor Things“, man kann es nicht anders sagen. Stone macht aus Bella eine faszinierende Frankenstein-Puppe, die sämtliche „Weird Barbies“ blass aussehen lässt. Allein ihr ungelenker Gang ist sehenswert. Mit schwarz gefärbten Haaren und ebenso dunklen Augenbrauen spielt sie diese Frau, die völlig unvoreingenommen auf die Welt blickt und schamlos Macht, Geld und vor allem ihre Sexualität entdeckt. Der Film zeigt ungewöhnlich viel Sex für eine amerikanische Komödie, vor allem für eine Komödie mit einem Filmstar vom Kaliber einer Emma Stone. Die Freizügigkeit ist sicherlich auch dem Vertrauensverhältnis zu Regisseur Yorgos Lanthimos geschuldet, mit dem Stone bereits für „The Favourite“ zusammenarbeitete. 

Ihre Darbietung in „Poor Things“, für die sie bereits den Golden Globe als Beste Darstellerin in einer Komödie erhielt, ist die eine Sensation des Films. Die andere ist die ungewöhnlichen Optik: Kostüme, Kameraeinstellungen, Kulissen – fast alles kommt einzigartig, wie noch nie zuvor gesehen daher. Und ruft gleichzeitig Erinnerungen hervor, etwa an die Filme des Expressionismus. Das ist eine Kunst, die Regisseur Yorgos Lanthimos hier unter Beweis stellt, wie sie selten zu sehen ist. Er arbeitet dafür etwa mit verzerrten Perspektiven durch ein Fischaugen-Objektiv oder springt mit Karacho aus dem schwarz-weiß gefilmten Frankenstein-Labor ins bunte Leben in Lissabon. Bellas Welt ist gespickt von surrealistischen Elementen, ihre Kleidung puppenhaft und ein wahrer Augenschmaus.

Wo bleiben die Frauen-Figuren?

Interessant ist auch, wie sehr das Material von 1992, das auf dem gleichnamigen Buch des schottischen Autors Alasdair Gray basiert, den Zeitgeist trifft. Es ist sicherlich kein Zufall, dass mit „Barbie“ und „Poor Things“ gerade zwei Filme über künstlich erschaffene Frauen auf der Suche nach Selbstbestimmung Aufmerksamkeit bekommen. Zu einer Zeit, in der Frauen in den USA und anderswo auf der Welt wieder für das Recht, über ihren Körper zu entscheiden, kämpfen müssen, kommen feministische Themen im Mainstream an. 

Doch „Poor Things“ lässt auch ungewolltes Unbehagen zurück, immer dann, wenn die feministische Botschaft allzu seicht verkauft wird. So bleibt Bella etwa von einer Vergewaltigung im Bordell angeblich unberührt, macht sich hinterher einfach über den Freier lustig. Es ist der blinde Fleck des Films, dass er auf der einen Seite eine emanzipatorische Reise beschreibt und das Patriarchat kritisiert, und auf der anderen Seite den typisch männlichen Blick auf Frauen reproduziert – und das nicht immer zu bemerken scheint. So agieren neben Emma Stone kaum andere Frauen als Protagonistinnen: Eine vielversprechende Bekanntschaft mit einer älteren Dame wird nur angerissen, eine Freundin aus dem Bordell wird gleich zur lesbischen Geliebten gemacht. Auch Bellas aufkeimendes Interesse für Politik und soziale Ungerechtigkeit wird nur oberflächlich gestreift. Stattdessen geht es immer wieder um ihre Beziehungen zu unterschiedlichen Männern, die sie alle auf die ein oder andere Weise kontrollieren wollen – die einen mit guten, die anderen mit weniger guten Absichten. So stehen mal wieder männliche Archetypen im Mittelpunkt. Ein bisschen weniger Sex und dafür ein vielschichtigeres Verständnis davon, was es bedeutet, in unserer Welt eine Frau zu sein, hätten der Geschichte gut getan. 

Trotzdem ist „Poor Things“ ein phantastisches, wildes, bizarres Ereignis von Film, für das sich ein Kino-Besuch lohnt.

„Poor Things“ läuft ab dem 18. Januar in deutschen Kinos