Hintergrund: Autohersteller und ihre Ladeparks : Auf eigene Kappe

Tesla war einmal mehr der Wegbereiter. Da eine entsprechende Ladeinfrastruktur nicht verfügbar war, baute Elon Musk sein eigenes Supercharger-Netzwerk auf. Nach und nach folgen immer mehr Hersteller.

Mercedes eröffnete beispielsweise im November vergangenen Jahres seinen ersten Ladepunkt in Mannheim. Der neue Ladepark in der Rhein-Neckar Region liegt verkehrsgünstig an einem wichtigen Knotenpunkt im Südwesten Deutschlands. Die maximale Ladegeschwindigkeit an der ersten deutschen Mercedes-Station liegt bei 300 Kilowatt. Vorteil gegenüber so manchem anderen Ladepark: jeder Lader hat nur einen Anschluss, um zu gewährleisten, dass die maximale Energie beim ladenden Fahrzeug ankommt. Die Ladepunkte in Mannheim sollen nur der Anfang sein, denn bis zum Ende des Jahrzehnts planen die Schwaben weltweit mehr als 2.000 eigene Ladeparks mit über 10.000 Schnellladepunkten. Für den Aufbau und Betrieb des eigenen Schnellladenetzes setzt Mercedes auf den Energieexperten Eon als Partner.

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„Laden muss so einfach wie Tanken sein. Nur so steigern wir die Bereitschaft, auf klimafreundliche E-Autos umzusteigen“, sagt Bundesverkehrsminister Dr. Volker Wissing, „wir brauchen eine engagierte Automobilindustrie, die mit uns an einem Strang zieht und neben der Auslieferung von E-Fahrzeugen auch einen Beitrag zum vorausschauenden Ausbau der Ladeinfrastruktur leistet. Mich freut es besonders, dass er für alle Nutzerinnen und Nutzer offen ist.“ Mercedes will das eigene Schnellladenetz nicht allein auf Europa oder gar Deutschland beschränken. Nach Atlanta / USA, Chengdu und Foshan / jeweils China ist Mannheim der vierte Schnellladepark mit Stern. In Europa eröffnet Mercedes neben zusätzlichen Standorten in Deutschland ab 2024 weitere Ladeparks in Italien, Spanien und Frankreich.

Einen ähnlichen Weg geht Premiumkonkurrent Audi. Der Autobauer aus Ingolstadt hat im Herbst in München seinen fünften europäischen Ladestandort in Betrieb genommen. Weitere existieren in Zürich, Frankfurt, Nürnberg, Salzburg und Berlin. Projektleiter Bastian Geretshauser: „Wir bieten nicht nur bis zu 320 kW Ladeleistung pro Ladesäule, sondern sorgen auch für eine konstante Ladeleistung mittels der Power Cubes, die aus gebrauchten Lithium-Ionen-Batterien ehemaliger Forschungsfahrzeuge bestehen und als Pufferspeicher eine zweite Lebensphase antreten. Dank dieser Zwischenspeicherung erzielen wir eine Energiemenge von beeindruckenden 1,05 Megawattstunden. Rein theoretisch könnten wir damit 60 Fahrzeuge ohne Unterbrechung laden, bevor die Ladeleistung langsam abnimmt.“ Ebenso wie bei Mercedes sind auch bei Audi alle Fahrzeugmarken willkommen. Audi-Fahrer laden mit 0,35 Euro pro kWh deutlich günstiger als Fahrer einer Fremdmarke, die 0,50 Euro bezahlen. Abgebucht wird mit Lade- oder Kreditkarte, Apple Pay oder Google Pay.

Auch Porsche hat im vergangenen Jahr mit der Charging Lounge in Bingen am Rhein unweit des Autobahnkreuzes A60 / 61 seine erste eigene Ladestation in Betrieb genommen. Entlang wichtiger europäischer Verkehrsrouten wollen die Stuttgarter weitere eigene Stationen zu einem Porsche-Erlebnis werden lassen. Die sechs Hypercharger mit einer maximalen Ladegeschwindigkeit von 300 kW sollen nur den Anfang machen. Weitere Porsche Charging Lounges sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz geplant. „Für diesen ambitionierten Hochlauf braucht es ein leistungsstarkes und dichtes Schnellladenetz“, sagt Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender von Porsche, „die exklusiven Porsche Charging Lounges leisten dafür einen wichtigen Beitrag: Barrierefrei, modern und nachhaltig gestaltet ergänzen sie das Ionity-Netz.“

BMW verzichtet wie Volkswagen bisher auf ein eigenes Ladenetz und setzt mit Ionity stattdessen auf den Zusammenschluss verschiedener Autohersteller. Hier stehen in Europa aktuell über 630.000 Ladepunkte zur Verfügung; 120.000 davon in Deutschland. Ionity wurde als Joint Venture von den Automobilherstellern BMW Group, Ford Motor Company, Hyundai Motor Group, Mercedes, Volkswagen, Audi oder Porsche gegründet. In 24 Ländern sollen Ende kommenden Jahres mehr als 7.000 Ladeparks eröffnet sein, die Ladegeschwindigkeiten bis 350 kW zur Verfügung stellen. Das wäre mehr als viermal so viele wie im Jahre 2021.

Alle Autohersteller versuchen mit den eigenen Marken-Ladeparks Elektrovorreiter Tesla einzuholen, der aktuell weltweit mit mehr als 50.000 Superchargern das größte Netz bietet. Wie bei der Konkurrenz befinden sich die Supercharger mit Ladetempi von bis zu 250 kW in erster Linie an Hauptverkehrsstraßen in der Nähe von populären Anlaufstellen. Seit Ende 2021 begann Tesla damit, sein exklusives Ladenetz auch für Fremdmarken zu öffnen. Voraussetzung ist die aktuelle Tesla-App, denn eine Ladekarte oder das Bezahlen mit einer Kreditkarte ist bei den Superchargern nicht möglich.