Stern-Chefredakteur: Gregor Peter Schmitz über Beckenbauer: „Er war ein Freigeist, der Dinge tat, die sonst keiner tat“

Der stern würdigt in seiner aktuellen Ausgabe den „Kaiser“. Franz Beckenbauer sei lange vielleicht der bekannteste Deutsche gewesen, schreibt Chefredakteur Gregor Peter Schmitz. „War“. Daran müssen wir uns erst gewöhnen.

Auf den Fluren und in den Archiven der stern-Redaktion lagern viele berühmte Bilder. Berühmte Fotografen haben sie aufgenommen, viele erkennt man gleich wieder. Eines hat sich mir besonders eingeprägt, es zeigt zwei Männer unter der Dusche, sie lachen und bewegen sich selbst ohne Kleidung so selbstsicher vor der Linse, dass man spürt, das sind Glückskinder. Es sind: Pelé und Franz Beckenbauer.

Pelé war wohl der bekannteste Brasilianer aller Zeiten. Franz Beckenbauer war lange vielleicht der bekannteste Deutsche. „War“. Daran müssen wir uns erst gewöhnen.

Beckenbauer revolutionierte das Spiel, das den Deutschen am wichtigsten ist, den Fußball. Ein Freigeist, der Dinge tat, die sonst keiner tat, vor allem deshalb nicht, weil sie keiner so konnte, wie es unser Autor Michael Streck, der ihn lange begleitet hat, beschreibt: „Er zerlegte mit sagenhafter Leicht- und Lässigkeit das Klischee des zwar stets wackeren, aber selten virtuosen deutschen Fußballspielers. Die teutonischen Fußball-Ikonen waren eher kumpelige Typen wie Fritz Walter oder Uwe Seeler. Die rackerten und die Ärmel hochkrempelten und ihr Leben lang für einen Verein kickten und in bescheidenen Häusern mit Ziergarten lebten. Beckenbauer war anders. Er spielte intuitiv. Und lebte intuitiv. Er war seiner Zeit voraus. Lief aufrecht, kerzengerade, den Blick nur selten auf den Ball gerichtet. Schlenzte Pässe aus dem Fußgelenk so schön, so präzise und scheinbar mühelos. Er erhob Fußball in den Status der Kunst, und selbst Menschen, die nichts, rein gar nichts von diesem Spiel verstanden, erkannten diese einmalige Eleganz und Magie. Sein Spiel roch nie nach Schweiß und Arbeit.“

STERN PAID Nachruf Franz Beckenbauer

Das war neu und revolutionär, gerade in Deutschland. Andererseits: Franz Beckenbauer, geboren nur Monate nach Kriegsende, wirkte auch wie die Bundesrepublik, so Streck: „Er symbolisierte den Zeiten-lauf der Bonner Republik. Die Bescheidenheit und Spießigkeit der Nachkriegsära, hernach das Wirtschaftswunderland, den Hedonismus der späten 60 er- undder 70er-Jahre, den schnellen Wohlstand, aber auch die Gier.“ Beckenbauer habe großen Anteil daran, schreibt Streck, dass sich erst die Wahrnehmung des Fußballs und dann der Fußball selbst verschoben habe – vom Sport des Proletariats in die Mitte der Gesellschaft. Und in Beckenbauers Fall bis hinauf in die Schickeria.

Einen weiteren Kaiser wird es kaum geben

Und doch war auch dieser Glücksmensch am Ende gebrochen, verbittert auch durch die Vorwürfe um ein angeblich gekauftes Sommermärchen. Es soll hier nicht um Entschuldigungen für mögliches Fehlverhalten gehen, aber irgendwie wirkt es doch wieder sehr deutsch, dass so viel Glück in einer Person nicht geduldet wird.

Die Nationalmannschaft rumpelt wieder mal vor sich hin, einen weiteren Kaiser wird es kaum geben, wobei keiner mehr genau weiß, wie der Ehrenname eigentlich zustande kam. Er passte halt.

STERN PAID 03_24 Beckenbauer Pflanze18:39

Streck beendet seinen Nachruf so: „In den letzten Jahren lebte er mit seiner dritten Frau Heidi sehr zurückgezogen in Salzburg, in seiner Geburtsstadt München sah man ihn kaum noch. Seine Wurzeln, seine Anfänge aber vergaß Franz Anton Beckenbauer nie. Er kaufte irgendwann die Wohnung seiner Kindheit in der Zugspitzstraße in Giesing, oben vierter Stock, Blick auf den Fußballplatz unten. Auf dem Klingelschild steht: Kaiser.“

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