Lauterbachs Sparpläne: Warum weniger Homöopathie richtig ist – aber nur ein erster Schritt

Wenn Gesundheitsminister Lauterbach die Erstattung von Homöopathie beschränken will, ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Die Probleme von Kassen, Ärzten und Patienten löst es aber kaum.

Es ist grundsätzlich zu begrüßen, wenn Karl Lauterbach nun empfiehlt, homöopathische sowie anthroposophische Leistungen aus den Satzungen der gesetzlichen Kassen zu streichen. „Leistungen, die keinen medizinischen belegbaren Nutzen haben, dürfen nicht aus Beitragsmitteln finanziert werden“, zitierte der „Spiegel“ aus einem neuen Papier des Bundesgesundheitsministers.

Gerade jetzt, wo gesetzlich Versicherte ein wenig bang auf den Bescheid warten, ob ihre Kasse von Defizits wegen den Beitrag ab 2024 erhöhen wird, ist kaum nachvollziehbar, wenn knappes Geld für „alternative“ Behandlungen ausgegeben wird, deren Nutzen nicht überzeugend belegt ist. Die Ärzte sind dem Gesundheitsminister da schon ein wenig voraus: Aus Gründen der mangelnden Evidenz stimmte im Mai 2022 der Deutsche Ärztetag dafür, die ärztliche Zusatzbezeichnung Homöopathie aus der Weiterbildung zu streichen. Die meisten regionalen Ärztekammern sind diesem Beschluss inzwischen gefolgt.

Krankenkassen dürfen umstrittene Behandlungen erstatten

Krankenkassen hingegen dürfen bisher selbst umstrittene „alternative“ Behandlungen in ihren Satzungen listen – als zusätzliche Leistungen, mit denen sie sich von der Konkurrenz abheben können, um eventuell wechselwillige Versicherte zu locken. Zumindest damit könnte nach Lauterbachs Plänen bald Schluss sein.

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Allerdings soll in den Vorschlägen des Bundesministers noch Spielraum für Homöopathie auf Kassenkosten bleiben: So sollen Versicherer weiterhin Zusatztarife für Alternativmedizin anbieten dürfen. Homöopathie bliebe dann Teil des gesetzlichen Kassensystems – das eigentlich immer damit werben wollte, nur belegtermaßen Wirksames zu finanzieren, so genannte evidenzbasierte Medizin. Weiche Ausnahmeregeln für schlecht belegte Behandlungskonzepte untergraben die Glaubwürdigkeit des solidarisch finanzierten Medizinbetriebes.

Der direkte Einspareffekt durch weniger Globuli auf Kassenkosten dürfte überschaubar sein: Laut Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) gaben die gesetzlichen Versicherer 2022 gerade mal knapp 7,2 Mio. Euro für homöopathische Arzneimittel aus – das sind 0,01 Prozent der Arzneimittelausgaben im Kassenmarkt. Der größte Teil des Homöopathikageschäfts wird nämlich aus dem privaten Portemonnaie bezahlt: 2022 wurden so laut BPI in Apotheken und beim Versandhandel etwa 534 Millionen Euro Umsatz generiert.

Apotheken bleiben der Homöopathie als „Wissenschaftskulisse“ erhalten

Ein weiteres Problem: Auch mit den neuen Kassen-Regeln werden Homöopathika weiterhin als apothekenpflichtige Arzneimittel gehandelt und so wissenschaftlich geadelt. Apotheken bleiben damit als eine Art „Wissenschaftskulisse“ einer Therapierichtung erhalten, in deren hochverdünnten Präparaten zum Teil nicht einmal ein Wirkstoff nachweisbar ist.

Interessant dürfte nun werden, inwieweit Karl Lauterbach künftig nicht nur Globuli, sondern auch homöopathische Arztgespräche auf die Sparliste setzt. Bisher dürfen Kassen noch Spezialverträge mit homöopathisch tätigen Ärztinnen und Ärzten abschließen und dann zum Teil auch deren „Anamnesegespräche“ bezahlen. Die sind deutlich besser honoriert als Gespräche in einer Praxis ohne Homöopathie-Angebot.

Mehr Geld fürs Arztgespräch

Zwar dürften auch Einsparungen bei alternativmedizinischen Sitzungen die Finanzlöcher der Kassen nicht stopfen. Sie könnten aber die Frage in den Fokus rücken, wie viel Geld uns, den Beitragszahlerinnen und -zahlern, das so wichtige und oft sogar heilsame Gespräch zwischen Arzt und Patient wert ist – und zwar unabhängig von bestimmten Therapierichtungen.

Nicht zuletzt weil die Gespräche evidenzbasiert arbeitender Ärzte und Ärztinnen bislang von den Kassen nicht so großzügig honoriert werden, dauert hierzulande eine Arztsitzung im Schnitt nur acht Minuten. Dann muss man schon wieder raus aus dem Sprechzimmer. Leidtragende sind vor allem Patientinnen und Patienten, die es in dieser Zeit oft nicht schaffen, erst ihre Symptome zu erklären und dann auch noch die unter Umständen komplexe Therapie zu verstehen, die sie machen sollen. Das gilt es dringend zu verbessern – durch bessere Vergütung für sämtliche „sprechende Medizin“. Ein paar Millionen Euro durch eingesparte Homöopathie werden da aber nicht reichen.