Identitäre Bewegung und AfD: Vorsicht Giftmischer! Über das toxische Vokabular der rechten Staatsfeinde

Der Extremist Martin Sellner durfte vor AfD-Leuten, Werteunionisten und Rechtsextremen seine Vertreibungsfantasien gegen Migranten ausbreiten. Er nutzt dafür Begriffe, die so falsch wie gefährlich sind. 

Der völkisch denkende Herr, der gerade heftig mit der AfD flirtet, trägt keine Glatze, trinkt mutmaßlich nicht mehr Dosenbier als aufrechte Demokraten auch und redet wie im Uniseminar. Zumindest klingt es im ersten Moment so. Aber wenn man die Sprache des Österreichers Martin Sellner und seiner rechtsextremen Verschwörungskumpel genauer anschaut, zeigt sich, wie übel das Vokabular stinkt. Es wird gezielt eingesetzt, um Macht zu gewinnen. 

Sprache, das weiß Sellner, ist die schärfste Waffe. Begriffe sind für ihn „Vehikel und Träger der Idee“, so nennt er das. Mit ihnen werden Debatten gewonnen und letztlich die Macht. Aber erst kommen die Worte. Worte wie „Remigration“, die irgendwie nach friedlicher Heimkehr klingen, aber im Kern nichts anderes sind und meinen als ein alter Neonazi-Slogan: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus.“ 

Martin Sellner17:48

Ein ganzes Wörterbuch der Hetze

Der 35-jährige Sellner ist Vordenker der „Identitären Bewegung“, deren meist junge Anhänger unter scharfen Frisuren neurechte Ideen kultivieren. Sie inszenieren sich bei Aktionen für die Medien. Vor allem aber wollen sie die Art, wie auch in Deutschland geredet wird, in ihrem Sinne verändern. Dazu benutzen sie ein ganzes Wörterbuch der Hetze: „Remigration“ etwa, von der Sellner bei dem von „Correctiv“ aufgedeckten Geheimtreffen mit AfD-Vertretern sprach, ist ein Tarnname für die Vertreibung von Millionen in Deutschland lebenden Menschen. Auch AfD-Extremisten wie Björn Höcke benutzen den Begriff. 

Er gehört im Denken rechter Ideologen zu der zentralen Erzählung, mit der die Verhältnisse in Deutschland beschrieben werden – um gegen den demokratischen Staat und seine Institutionen mobil zu machen. Am Anfang der Geschichte steht die Schilderung der vermeintlichen „Umvolkung“, die auch als „Großer Austausch“ bezeichnet wird. Danach soll die deutsche Bevölkerung unter der Mitwirkung linker und liberaler Eliten durch massenhafte Zuwanderung ersetzt werden – wobei die Migranten aus Weltgegenden jenseits des schützenswerten „Abendlands“ kommen, keine weiße Haut haben und nicht mit christlichen Traditionen aufgewachsen sind. „Remigration“, also Vertreibung, wird mithin als Schutz der eigenen Identität verkauft.

Begriffe wie „Remigration“: Rassismus wird getarnt

Wie lernfähig die Verschwörungsanhänger sind, zeigt der Umgang mit dem heiklen Thema Rassismus. Er schwingt immer mit, muss aber ein wenig getarnt werden. Zum Beispiel als „Ethnopluralismus“ – also der Vorstellung, dass sich „Völker“ und „kulturelle Identitäten“ so grundsätzlich unterscheiden, dass am besten alle für und unter sich bleiben.

CAPITAL Wer ist Hans-Christian Limmer

Das könnte man im Prinzip auch vereinfachen zu „Deutschland den Deutschen“. Nur würde es dann nicht mehr den Zweck erfüllen, den eine gute Erzählung hat. Nämlich auch Menschen zu erreichen, die eigentlich noch nicht auf der Seite derer stehen, die mit ihr werben. Natürlich bemühen sich alle, die Politik machen, ihren Zielen positive Namen zu geben. Nur ist es durchaus etwas anderes, wenn die Familienministerin das „Gute-Kita-Gesetz“ erfindet, als wenn die Feinde von Demokratie und Recht die Pläne zu deren Abschaffung in einen wohlklingenden Wortnebel hüllen. Und darauf hoffen, dass ihre bildungsbürgerlich scheinenden Kampfbegriffe zum normalen Bestandteil der Debatte werden.