Billigfluglinie: Ryanair: Geiz war auch mal geiler – vorerst keine Kampfpreise

Wer auf Kampfpreise von Ryanair gewartet hat, den enttäuscht Airline-Chef Michael O’Leary. Fliegen ist teuer. Und das wird auch so bleiben – zumindest in Deutschland

Alle motzen derzeit. Die Landwirte, die Lokführer. Und auch die Luftverkehrsmanager. Die sind bloß nicht so laut wie die andern, die Straßen blockieren und den Schienenverkehr lahmlegen. Also kommt Ryanair-Chef Michael O’Leary an diesem verschneiten Tag nach Berlin. Der Chef der Billigfluggesellschaft Ryanair war mal einer der größten Motzköpfe. Das war sein Markenzeichen und sein Erfolgsrezept: Immer hatte er einen forschen Spruch gegen die Wettbewerber parat, allen voran gegen die Lufthansa. Immer wieder haute er freche Marketingsprüche raus, um seine spottbilligen Lockangebote ab 9 Euro zu bewerben. Damit hat O’Leary über Jahre die Branche aufgemischt und den Takt vorgeben. 

In den letzten Jahren hat O’Leary sich rar gemacht. Die Covid-Pandemie hat den steilen Wachstumskurs aller Fluggesellschaft weltweit abrupt ausgebremst. Die Passagierzahlen sind nur langsam wieder gestiegen, knüpfen mittlerweile aber wieder an die alten Wachstumsraten an. Die Nachfrage im europäischen Luftverkehrsmarkt steigt, die Preise auch und damit Umsatz und Ergebnis. Bei Lufthansa, bei Air France, bei Easyjet und vor allem auch beim europäischen Marktführer Ryanair läuft es wieder. 

Eigentlich kein Grund zu motzen. Nur in Deutschland ist alles schlechter als anderswo. Das zumindest ist die Botschaft von Ryanair-Chef O’Leary an das halbe Dutzend Journalisten, die zu seinem Pressefrühstück in einen kleinen Konferenzraum im Steigenberger Hotel am Berliner Hauptbahnhof gekommen sind. „Deutschland hinkt hinterher“, sagt der 62-Jährige. Das klingt für seine Verhältnisse zahm, fast fürsorglich besorgt. Seine PR-Experten hatten ihm in einer vorbereiteten Meldung eine knackigere Formulierung notiert: „Der deutsche Luftverkehrsmarkt ist kaputt und muss dringend repariert werden, wenn er wieder wachsen soll.“ STERN PAID Interview Lufthansa-Chef Spohr Teil 4 19.30

Die Ticketpreise bleiben hoch

O’Leary hat es eilig: Er hält sich nicht mit Sprüchen auf, er rattert eine Viertelstunde lang Zahlenkolonnen herunter und jagt dabei durch Charts mit Tabellen. Steigende Passagierzahlen, niedrige Kosten, große Flugzeugbestellungen. Damit die wichtigste Botschaft in dieser Zahlenflut nicht untergeht, wird sie noch mal auf Zetteln verteilt: Überall läuft es, aber überall besser als in Deutschland. Hier ist erst 74 Prozent des Vorkrisenniveaus erreicht, andere liegen längst darüber (Griechenland plus 114 Prozent, Portugal plus 112 Prozent, Irland plus 108 Prozent, Spanien plus 105 Prozent, Italien plus 103 Prozent). 

Der Grund: Die hohen Steuern und Gebühren in Deutschland. In der Tat plant die Bundesregierung just, die Ticketsteuer zu erhöhen. Eigentlich eine Steilvorlage für O’Leary, um genau das bei dieser Gelegenheit zu torpedieren. Doch das streift er nur mit einem Halbsatz an diesem Morgen, der zwischen Ausführungen zu Flughafen- und Sicherheitsgebühren untergeht. Wie hoch die Steuern und Gebühren pro Ticket ausfallen? Auf die Frage schaut O’Leary zu den beiden Ryanair-Managern an seiner Seite, die ansonsten an diesem Tag nicht mehr viel zu Wort kommen. Rund 30 Euro seien das, heißt es nach kurzen Beratungen untereinander. Und so wie es derzeit aussieht, würden sie wohl noch steigen auf 35, 40, vielleicht bis zu 50 Euro. 

Es bleibt vage. Und vor allem, was heißt das für die Ticketpreise, wenn die Gebühren schon bei 30 Euro und höher liegen? An der Wand des Konferenzraums prangt noch der letzte Chart der Präsentation, auf dem der Sitzverkauf ab 29,99 Euro angepriesen wird. Achselzucken bei O’Leary. Die Preise würden wohl hoch bleiben. Daran sei halt die deutsche Regierung schuld, die die Lufthansa mit ihren monopolartigen Preisen schütze. Direkte Gespräche mit der Bundesregierung führe Ryanair als der kleine Wettbewerber im deutschen Markt mit gerade mal neun Prozent Marktanteil nicht. 

Airline Ranking16.30

Ryanair macht weiter wie bisher

Eigene Aktionen, vielleicht Ansagen zu Kampfpreisen wie früher? Fehlanzeige. Ryanair werde weitermachen wie bisher: Flüge vor allem von Regionalflughäfen wie Hahn, Memmingen oder Baden-Baden, dazu Angebote von Standorten, an denen Lufthansa nicht mehr so präsent sein will – etwa in Berlin oder Hamburg. Und ansonsten werde Ryanair halt in anderen Ländern wachsen, wo die Nachfrage hoch und die Gebühren niedriger seien. Routiniertes Vorgehen. 

O’Leary hat es eilig. Die Frage, ob er dem Flugzeugbauer Boeing, bei dem Ryanair Großkunde ist und schon hunderte neuen Maschinen der 737-Max-Reihe bestellt hat, noch vertraut, pariert er konziliant. Das Problem bei einer 737-Max-9 der Alaska Airline, bei der vor wenigen Tagen ein Kabinenteil während des Flugs herausgebrochen war, sei zwar besorgniserregend, aber die eigene Flotte der Max-8 und die Bestellungen der Max-10 seien wohl nicht betroffen (mehr zu dem Vorfall lesen Sie hier). Das Boeing-Management sei sich seiner Verantwortung bewusst und mache Fortschritte bei der Produktqualität, versichert O’Leary. Dass Passagiere nun Sorgen hätten, in Boeing-Maschinen einzusteigen, erwarte er nicht. Auch nach den Abstürzen von zwei Boeing-Maschinen vor zwei Jahren, bei denen hunderte Menschen ums Leben kamen, hätte das niemanden abgeschreckt. „Damals haben wir sogar kostenlose Stornierungen angeboten, aber die hat niemand genutzt“, so O’Leary.

Das Bizarre kommt zum Schluss: „Hohe Gebühren = kein Wachstum“ steht auf dem Schild, das Michael O’Leary zum Schluss hochhält
© Jenny von Zepelin

O’Leary hakt das Thema ab. Nach einer guten halben Stunde ist er fertig, steht auf und grummelt auf dem Weg zur Tür noch ein: „Und frohes neues Jahr auch.“ 

Das wäre es gewesen, wenn ihn eine Mitarbeiterin nicht noch aufgehalten hätte, um ihm zwei Plakate in die Hand zu drücken. Darauf die Botschaft, die an diesem Tag transportiert werden sollte: „High Fees = No Growth“. Hohe Gebühren, kein Wachstum also. Ob das jemanden überzeugt? O’Leary schnappt sich die beiden Plakate, ragt sie in die Luft, reißt die Augen auf, verzieht den Mund. Die Kameras der Journalisten klicken. So wie früher. 

Dieser Artikel erschien zuerst im Wirtschaftsmagazin „Capital“, das wie der stern Teil von RTL Deutschland ist.